Gelassen gärtnern ist keine neue Philosophie für Esotheriker, sondern eine Notwendigkeit. Insbesondere nachdem dieses Jahr alles Bisherige auf den Kopf gestellt hat. Jahrelang gesammelte Erfahrungen mit Pflanzen und gutes Gartenwissen sind nichts mehr wert, wenn das Klima sich so schnell und so drastisch ändert wie dieses Jahr. Seit April ist es viel zu trocken und viel zu warm. Die beiden Regentage im Oktober brachten bei uns in Franken nur 20 Liter. Viel zu wenig, um in tiefere Bodenschichten vorzudringen. So kommt es, dass ich zum Setzen meiner 400 Tulpenzwiebeln erst wässern und danach mit einer Grabegabel vorarbeiten muss. Eine Plackerei, besonders am Hang – aber verteilt auf mehrere Tage und mit einigen Teepausen dazwischen ist diese Aufgabe geschafft.

Geruhsames Gärtnern mit Wildtulpen

Gelassenes Gärtnern auch dank langlebiger Wildtulpen. Einmal setzen, jahrelang Freude.

Frisch gesetzte Pflanzen brauchen viel Wasser – auch im Herbst

Zwei Kisten vorgezogene Vergissmeinnicht in den steilen Vorgarten zwischen die Tulpen zu pflanzen war mindestens genauso beschwerlich, wie Tulpen zu setzen. Schlimmer noch: Während das Gießen der Pflanzen in ihren Pflanzkisten schnell und einfach geht, brauchen frisch Gepflanzte anfangs sogar zweimal täglich Wasser. Hätte ich mir ja auch nicht träumen lassen, dass ich um Vergissmeinnicht jemals so ein Bohei machen würde. Aber was tue ich nicht alles für einen bunten, besser blau-gelben Frühling. Immerhin ist es jetzt im Herbst viel einfacher einzelne Jungpflanzen zu wässern, als den ganzen Garten. Die Zisterne führt wieder Wasser und der Boden bleibt auch ein bisschen länger feucht.

Noch einmal gründlich Unkraut jäten

Das einzig Gute an dieser verrückten Gartensaison ist: Auch das Unkraut wächst schlecht oder gar nicht. Zumindest bis Ende Oktober das erste bisschen Regen fällt. Seitdem keimen wieder Vogelmiere und Löwenzahn. Zeit noch einmal alle Blumenbeete in Ruhe aber gründlich zu jäten. Früher habe ich alle sieben Blumenbeete rund ums Haus an zwei Sommerabenden geschafft. Heute, insbesondere wenn es im November so früh dunkel wird, bin ich damit gleich sieben Nachmittage gut beschäftigt. Na und! Auch ich werde älter und merke es an schwindender Kraft – und Lust. Insbesondere wenn  meine Füße sich spätestens gegen vier wie taube Eisklötze anfühlen. Gärtnern mit kalten Füßen macht mir jedoch keinen Spaß. Da stelle ich lieber die Hacke weg. Anstatt mich selbst zu hetzen, bleibe ich gelassen, genieße meine Tea Time, gerne mit Teilchen und den neuesten Posts auf Instagram.

Herbstmargeriten geben noch einmal alles

Herbstmargeriten sind pflegeleichte Stauden. Sie blühen zwischen Oktober und November überaus prächtig.

Gelassen gärtnern heißt Eile mit Weile

Meine Mutter betonte stets, unter 12 Grad gärtnert sie nicht. Ich nehme es mit der Temperatur nicht so genau wie sie, aber inzwischen verstehe ich ihre persönliche Philosophie schon sehr viel besser. Gärtnern soll schließlich Spaß machen und nicht in Arbeit oder Plackerei ausarten. Das klappt aber nur, wenn ich beim Gärtnern meinem eigenen Rhythmus folgen kann.

Tipp: Gärtnern Sie! Wer gärtnert hat Spaß im Garten, egal was ansteht. Wer beim Garten jedoch an Gartenarbeit denkt, hat schon verloren. Wer will schon arbeiten, wenn er Spaß haben kann.

Ein winterfester Garten muss nicht nackt und freudlos sein.

Dieses Jahr lässt mir der milde Herbst genügend Spielraum, um in aller Ruhe und Gelassenheit den Garten winterfest zu machen. Die Blumenzwiebeln sind gesetzt, die Beete weitgehend unkrautfrei, die Wiese noch ein letztes Mal gemäht. Was jetzt noch getan werden muss, folgt nach und nach. Es ist ja nicht mehr viel: Perlagonien aus ihren Pflanzkübeln graben, topfen und ins Winterquartier bringen, Rosen anhäufeln, Wasserpumpe reinholen, Gartenschläuche versorgen, mit Regenwasser gefüllte Gießkannen in den Keller stellen, und die halben Weinfässer des Wassergartens entleeren und umdrehen.

Kokardenblumen blühen bis zum Frost

Kokardenblumen blühen unermüdlich bis zum Frost

Mit dem Schnitt der restlichen Stauden lasse ich mir dagegen noch länger Zeit. Vögel und Insekten dürfen in dem Gestrüpp gerne noch Futter suchen oder einen Schlafplatz. Als Wind- und Winterschutz dienen welke Stauden obendrein. Also abwarten. Auch im Winter gibt es schließlich warme Sonnentage, die mich geradewegs nach draußen und in den Garten führen. Was für ein Glück, dass im naturnahen Garten andere Regeln gelten, um ihn winterfest zu machen.

Warum es wichtig ist, schon im zeitigen Herbst Futterplätze für Gartenvögel einzurichten

Während der Garten in den wohl verdienten Winterschlaf versinkt, ist es für Vogelfreunde wie mich höchste Zeit, weitere Futterplätze für die Gartenvögel einzurichten. Ich füttere ja das ganze Jahr über, aber nach der Brutsaison etwas sparsamer und nur an einem Futtersilo. Jetzt kommen zwei weitere Futterautomaten und ein Futtertisch für Amseln dazu. Der Futtertisch steht erhöht auf dem schweren Gusseisenfuß eines Bistrotischs. Anstelle der Marmorplatte montiere ich im Herbst allerdings eine robuste, geriffelte Metallplatte auf den Fuß. Dort finden Amseln, Finken und Spatzen täglich geölte Haferflocken mit Rosinen. Für diese Liebesmühe bedanken sich Amseln übrigens mit Absammeln und Vertilgen unzähliger Schnecken, Raupen und anderer Insekten. Kleinere Gartenvögel verschmähen zwar Schnecken, fangen dafür jedoch Insekten im Minutentakt und füttern damit ihre Kinder. Merke: Wer einen vogelfreundlichen Garten hat, braucht weder Insektizide noch Schneckenkorn. 

Frau Gartenrotschwanz füttert ihre Kinder

Frau Hausrotschwänzchen fängt im Sommer emsig Futter ihre Kinder.

 

Vogelexperten raten dazu, Futterplätze für Vögel schon frühzeitig einzurichten, damit sich das unter den gefiederten Freunden schnell herumspricht und der Futterplatz auch angenommen wird. Die Experten haben mit dieser Empfehlung durchaus recht – aber nur in Gärten, in denen Vögel sich auch sonst nicht wohl und zu Hause fühlen. Seitdem ich meinen Garten vogelfreundlich eingerichtet habe, beleben ihn Vögel das ganze Jahr. Sie sitzen in den Bäumen, auf ihren Sing- und Beobachtungswarten, nisten, ziehen in mehreren Bruten ihre Jungen groß und versuchen Nachbars fiesen Katzen rechtzeitig zu entkommen.

Was bedeutet gelassen Gärtnern?

1. Hetzen Sie sich nicht selbst, sondern nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Hören Sie auf zu gärtnern, wenn es ihnen keinen Spaß mehr macht.
2. Trennen Sie Wichtiges von Unwichtigem. Vieles im Garten kann im Herbst einfach so bleiben, wie es ist: Stauden, Gräser und Sommerblumen müssen nicht vor dem Frost geschnitten werden, sondern bieten im Winter Insekten und Vögeln sowohl Nahrung, als auch Schutz.
3. Richten Sie Ihren Garten vogelfreundlich ein und pflegen Sie Gartenvögel das ganze Jahr über. Vögel sind ihre Verbündete im Kampf gegen Läuse, Raupen und andere Plagegeister. Sind Vögel im Garten, können Sie der nächsten Läuseplage gelassen entgegen sehen.
4. Denken Sie positiv. Der Garten soll keine Arbeit machen, sondern Freude.
5. Wenn bei Ihnen bisher Garten zumeist in Arbeit ausartet, gestalten Sie ihn pflegeleichter.

Wie Sie Ihren Garten pflegeleichter gestalten:

• Ersetzen Sie Wiese / Rasen beispielsweise durch pflegeleichte Stauden. Am besten durch Stauden, die Trockenheit und Hitze gut aushalten. Pflanzen Sie beispielsweise vermehrt Spornblumen, Lavendel, Teppichastern, Steppensalbei, Taglilien, Agastachen … lassen Sie sich in der regionalen Staudengärtnerei bei der Auswahl beraten.
• Pflanzen Sie heimische Gehölze anstelle empfindlicher Thujen, beispielsweise Liguster, Hainbuchen oder Flieder.
• Sie haben keine Lust mehr, stundenlang eigenes Obst und Gemüse aus dem Garten zu verwerten? Spenden Sie das Obst und ersetzen Sie in die Jahre gekommene Obstbäume durch Vogelnährgehölze / Insektengehölze wie Zierapfel, Holunder, Wildbirne, Maulbeere, Apfeldorn, Mehlbeere, Vogelbeere, Blumenesche oder Faulbaum.
• Setzen Sie keine Pflanzen an den falschen Standort. Beispielsweise gehören Hortensien weder in die pralle Sonne, noch in kalkhaltige Erde. Pflanzen Sie auch keinen Japanischen Zierahorn in schweren Lehmboden, das klappt einfach nicht. Wenn Sie unsicher sind: Lesen Sie beim Kauf das Pflanzenetikett oder/und nutzen Sie fundiertes Gartenwissen aus einem guten Pflanzenbuch.
• Saisonpflanzen machen ein bisschen mehr Mühe als Stauden. Aber auch unter den Frühlings- und Sommerblumen gibt es riesige Unterschiede, was ihre Ansprüche angeht. Hornveilchen blühen fast das ganze Jahr über und vermehren sich selbst. Löwenmäulchen, Duftsteinrich, Ringelblumen blühen bis zum Frost überreich – ohne auch nur eine einzige Wassergabe aus der Gießkanne. Das Beste: Im nächsten Jahr erscheinen diese Dauerblüher von ganze alleine wieder.
• Reicht Ihre Kraft nicht mehr zum Umsetzen und Ausfahren von Kompost? Holen Sie sich Hilfe oder mieten Sie eine Bio-Tonne. Es ist zwar schade, keinen eigenen Kompost mehr zu haben, aber wenn die Kraft fehlt, ist eine Bio-Tonne eine gute Lösung. Sie gewinnen dadurch ja auch wieder etwas mehr Platz für Neues im Garten! Vielleicht für einen hübschen Sitzplatz unter einem neuen Hausbaum. Das wäre meine Empfehlung für gelassenes Gärtnern!

Hausbaum Apfeldorn mit Früchten

Hausbaum Apfeldorn, botanisch Crataegus lavallei, mit Früchten

Fiona Amann

Fiona Amann ist Werbetexterin, Bloggerin, Blumenfotografin und gärtnert leidenschaftlich gerne. In ihrem Gartenblog "Wo Blumenbilder wachsen" teilt sie Gartenwissen aus vier Jahrzehnten, stellt Lieblingspflanzen und ihre Pflege vor, verrät die Lieblingsrezepte ihrer Familie und Rezepte aus ihrer Landküche und stellt, wenn sie zum Thema passen, lohnenswerte Gartengeräte, Koch - und Gartenbücher vor.

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